Fontane-Jahr 2019: Ein Preuße in „Italia“ (1)

Fontane-Jahr 2019: Am 20. Dezember jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Theodor Fontane, dem „literarischen Spiegel Preußens“. Ausstellungen, Lesungen, Vorträge erinnern an den Klassiker des Gesellschaftsromans, populär geworden besonders durch „Effi Briest“. Diese Serie hier nun schildert Fontanes Erlebnisse auf seinen großen Italienfahrten, pendelnd zwischen Niedrigkeiten und Hochgefühlen – seine unverzichtbare Ehefrau Emilie dabei eingeschlossen. Die Texte sind entnommen dem Buch „Bella Italia – Auf Grand Tour mit großen Italienreisenden“ von Werner Huber, Kröner Verlag, https://www.kroener-verlag.de/huber-werner/.

Station 1: Anreise und erste Italien-Impressionen

Frierend fuhren wir in das schöne Land Italia hinein. Es goß mit Mollen. So Theodor Fontane im September 1874 über den Beginn seiner großen Italienfahrt. Kein früh erfolgreicher Musenjünger war hier unterwegs, um im Land der Kunst und Klassik seine Künstlerpersönlichkeit zu vervollkommnen und südliche Sinnlichkeit zu kosten. Fontane zählte 54 Jahre, reiste mit seiner Frau Emilie, und sein späterer Ruf als Literaturklassiker war noch nicht einmal zu erahnen: Die großen Romane waren noch nicht geschrieben, sein bisheriger Werk verkaufte sich mäßig. Ich sehne mich nach einem wirklichen Erfolg, bekannte er fast verzweifelt.
Emilie war von Anfang an Mitleidende gewesen: Als ‚ewige Braut‘ hatte sie sich gedulden müssen, weil der gelernte Apotheker partout Schriftsteller hatte sein wollen: der Heirat waren Jahrzehnte permanenter Dürftigkeit gefolgt, noch dazu mit vier Kindern – und einem zunehmend resignierten und reizbaren Mann. Als einst herumgestoßenes Adoptivkind wünschte sie sich nichts mehr als gesicherte Häuslichkeit und setzte all ihre menschlichen Qualitäten ein, um die Familie zusammenzuhalten. Und wurde nebenher noch zur vielseitig gewandten Stütze ihres Mannes – was sich auch in Italien zeigte.
Wie denn, um Himmels willen, kam es bei diesen Verhältnissen zur Grand Tour? Im Jahr 1870 hatte Fortunas Flügelschlag den knapp fünfzigjährigen Fontane gestreift: Die angesehene Vossische Zeitung hatte ihn zum Theaterkritiker berufen, und er hatte damit begonnen, mit sicherem Wertgefühl und gewitzter Feder die Berliner Theaterszene aufzumischen. Sein Stern war endlich im Steigen. Das sollte so bleiben, keiner sollte ihm in Kunstfragen etwas vormachen können … Da grassierte nun aber dieses Fieber um das ‚einzigartige‘ Kunstland Italien … bestimmt hochgeschraubt durch die deutsche Manie, jenseits der Grenze alles besser zu finden … und auch teuer und umständlich, Wochen bräuchte man – und dazu die Reiseschäußlichkeiten, das Kleinzeug in den Betten … andrerseits, keiner sollte ihm was vormachen können … Und so dampften nun also die Fontanes den Brenner das Eisacktal hinab Richtung Bozen. Angesichts seiner Passion für Historisches nimmt es nicht Wunder, dass der Dichter in dieser Gegend des Freiheitshelden Andreas Hofer gedachte, der den Tiroler Volksaufstand gegen die Besatzungstruppen Napoleons anführte, nach anfangs bravourösen Erfolgen aber der Übermacht erlag und – ‚zu Mantua in Banden‘ – hingerichtet wurde. Eineinhalb Jahrhunderte nach Fontane fahre ich das Eisacktal hinab …

Demnächst: Station 2


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